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Szilvia Ortlieb: Wutverwaltung

 

So ordentliche Menschen
brave Bürger, fromm und still
sie tun genau das
was die Zucht und Ordnung eben will

                                                               - Erika Pluhar

 

Szilvia Ortlieb kann Wut in Kunst verwandeln. In diesem Kontext entsteht ihre Kunst als ein poststrukturalistisch feministischer Umgang mit Objekten, Materialien und Situationen. Limoges-Porzellan, man könnte sagen, das feinste des feinen Porzellans, ist gerade gut genug für Skulpturen aus Schwämmen, Wischtüchern und aus den alten Sport-Socken ihrer Kinder. Ihr Interesse gilt großteils der Welt, die sie sich als erwachsene Frau geschaffen hat: Ihr Ehemann, ihre Kinder, ihr Haus und ihr Garten – das sind die Anknüpfungspunkte für ihre Aktivitäten, vermutlich auch, weil sie vor einigen Jahrzehnten nach Österreich kam und eine eigene Bastion gegen den „Fluch“, hier fremd zu sein, errichtete. Ohne auf die Versäumnisse der Politik ein­zugehen, ist es eine Tatsache, dass Szilvia Ortlieb trotz ihrer „gelungenen Integration“ – eine Phrase, die mittlerweile ziemlich zynisch und sogar hilflos im heutigen österreichischen Kontext klingt – gezwungen war, ihr Gefühl des Fremd- und Anders-Seins zu bewahren, welches sie in ihrer Kunst in eine Sprache übersetzt, die dem Betrachter zugänglich ist.

So wie x-beliebige Personen, die man auf der Straße oder bei einem Event trifft, nicht auf den ersten Blick als „österreichisch“ oder „nicht österreichisch“ identifiziert werden können, täuschen Ortliebs Skulpturen die Augen, verwirren die sinnliche Wahrnehmung. Trotz eines allgemeinen Wissens um Pop Art und Künstler wie Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen wirken ihre Skulpturen von Garten- und Fahrradschläuchen, Badezimmerwaagen und Traktorenreifen in deren bisherigen Ausstellungsorten oft wie „Fremde“.

Ein Wasserschlauch, in diesem Falle einer aus Szilvia Ortliebs Kindheit, aus dem Garten ihres Großvaters, ist der Ausgangspunkt für eine lange Entdeckungsreise, inspiriert von ihrer familiären Situation. Mit der ersten dieser Skulpturen entwickelte sie ihre spezielle Methode der Modellierung: Sie verarbeitete mit dem Fleischwolf zehn Kilo Material zu kabelartigen Strängen aus Ton und schuf daraus einen kompakten Block vergleichbar mit Eingeweiden. Manches Mal finden sich Knoten in diesen Gartenschlauchskulpturen – ein Zeichen dafür, dass Szilvia Ortlieb ihr Territorium kennzeichnet. Wie sie selbst sagt: „Knoten sind nicht gut für Schläuche“. Szilvia Ortlieb bearbeitet das Thema „Schläuche/Röhren“ sowohl mit Witz als auch mit Verehrung, oder indem sie Macht über die Objekte ausübt. Sie belässt das Material Terra Cotta in seinem natürlichen Zustand oder verändert es auf unterschiedliche Weise mit Pigmenten und Graphit.

Das, was so spielerisch und leicht erscheint, ist tatsächlich das Resultat einer fundierten Materialkenntnis und zeugt von Körperkraft und extremer Geduld. Es ist nicht einfach, lange Seile aus Ton zu formen, ohne sie zu zerbrechen, und überdies das Material zu verknoten und dabei die Integrität des Vorhabens unversehrt aufrechtzuerhalten. Vom Standpunkt der künstlerischen Produktion aus gesehen, ist das Formen des Objektes nur ein Teil. Der schwierige und aufwändige Prozess des Tonbrennens – es gilt die richtige Temperatur, die präzise Zeitdauer der Verarbeitung unter den richtigen Bedingungen zu wählen – ist der andere Teil, der in Betracht gezogen werden muss. Es gehört zu den Risiken der Künstler, die mit Ton oder Porzellan arbeiten, dass das erfolgreich hergestellte Objekt den Trocknungs- und Brennprozess nicht überlebt.

 

Immer schon wusste ich genau
daß da alles gespielt wurde ohne mich

 

In ihren jüngeren Arbeiten, wie in der Serie architektonische ausdrucksformen (be­gonnen 2006), spielt sich Ortlieb mit einer so genannten „Häuslichkeit“, welche wohl am besten als Metapher für Selbstreflexion verstanden werden kann. Zu Beginn der Serie hatten die Tonskulpturen sehr wenige und sehr kleine Fenster. Sie evozierten damit Verbindungen zu den Behausungen in Mali und Le Corbusiers béton brut Konstruktionen. Diesen Tonskulpturen folgten 1:1 Reproduktionen in derselben Form in dickem, „kugelsicherem“ Glas. Szilvia Ortlieb stellt die Ton- und Glasskulpturen oft direkt nebeneinander aus. Die Betrachter können so gleichzeitig durch sie hindurch sehen, sie betrachten und ihren Ansatz visuell deutlich begreifen.

In einer ihrer faszinierendsten Serien resonanz (begonnen 2007) nahm sie einen großen Stein und reproduzierte diesen aus Ton. Durch jeden dieser Reproduktionsvorgänge wird der Ton-Stein im Prozess des Brennens und Trocknens kleiner und kleiner. Das Ziel ist, so viele Abgüsse herzustellen bis das Objekt, welches in diesem Prozess immer mehr schrumpft, schließlich verschwindet. Es braucht Tausende oder Millionen von Jahren bis ein Stein entsteht. Einen Stein auf diese Weise zum Verschwinden zu bringen, eröffnet einen Denkprozess über jene Zeitgrenze, die sich über die eines Menschen­lebens hinaus erstreckt. Dieser Impuls läuft jenem der traditionellen Mutterrolle genau entgegen: Anstatt Kinder auf die Welt zu bringen und so die Kontinuität der Familie zu gewährleisten, macht Szilvia Ortlieb zuerst Abgüsse des „Muttersteins“ und dann seiner Reproduktionen bis sie schließlich alle verschwunden sind.

 

Der Aufbruch aus dem alten Zelt
in eine ungenaue Welt
ist schmerzhaft, doch nicht zu umgehn
willst du das Leben wirklich sehn

 

Werkzeuge, Gewicht, Feuer, Hitze, Schneiden, Verbrennen und Abkühlen, Sammeln, Organisieren und Kommunizieren sind Elemente von Szilvia Ortliebs modus operandi. Keramik, Porzellan und Steinzeug sind dabei integrale Bestandteile ihres künstlerischen Herangehens. Diese Materialien beschränken sie jedoch in keiner Weise. Vielmehr lässt sie sich von einem bestimmten Material wie Gummi (vergl. die Serie pneu) oder von einer Idee inspirieren – wie zum Beispiel der des Festhaltens und der Manifestation von metaphorischem Eigentum wie Luft (vergl. die Serie blubb-blubb). Ihre Arbeit umgibt eine Aura von Gefahr. Geraten sie in falsche Hände sind Gartenscheren, scharfe Messer, Fleischwölfe und andere Werkzeuge bedrohlich, aber sie sind schlicht notwendig für die Produktion ihrer Arbeit. Szilvia Ortlieb befehligt vitale Kräfte in ihrer Kunstproduktion: Ihr Verständnis für die Eigenschaften von Feuer, Wasser und Erde erinnert uns an ihre profunde Kenntnis der Physik und evoziert Assoziationen zum Reich der Alchemie.

Ortliebs ausgeprägtes Interesse am Sammeln zeigt sich an ihren Gummiobjekten, an den Skulpturen aus ausrangierten Lichtröhren, Telefonkabeln, Kabelbindern und Badezimmerwaagen. Sie „findet“ Objekte, oft Industriemüll wie die Seile der LED Lampen in der Skulptur in.halt von 2008. Oder sie verwendet „gefundene Objekte“, indem sie diese bewusst in einem Geschäft kauft, wie bei waagrecht für senkrecht (2012), einer Installation von 30 digitalen Badezimmerwaagen, die sie in einem Werbeprospekt entdeckt hat.

Szilvia Ortlieb bekundet eine große Neugier an der Welt, in der sie lebt. Sie begegnet den Fragen des Außenseiterdaseins stets mit wacher Aufmerksamkeit. Das zeigt sich auch in der Wahl manch ihrer Materialien, die in unserer Gesellschaft generell nicht als wertvoll gelten. Sie agiert wie eine Forscherin auf der Suche nach Material und Themen und reizt diese bis über die Grenzen aus. Daher arbeitet sie oft in Serien, gibt den einzelnen Werken denselben Namen und durchforstet diese so lange, bis sie endlich zufrieden ist und sie sich anderem zuwenden kann.

 

Ich wüßt gern genau
wann das Lieben beginnt

 

Die Liebe zum und die Begeisterung für das Material, ohne eine offenkundige Botschaft zu transportieren: Ist so etwas nach so vielen Jahren der Pop Art überhaupt noch erlaubt? Oder ist ein solches Herangehen in der heutigen Gesellschaft nicht umso notwendiger, da Informationsflut und Überfrachtung an Inhaltsvermittlung regieren? Objekte, welche die Sinne erfreuen und berühren, den Raum definieren, mit Licht, Schatten und starken, basalen Farben spielen – vor allem, aber nicht nur, mit Rot, Schwarz, Weiß und Grau – sind Produkte von Szilvia Ortliebs Händen. Ihre Palette ist urban, obwohl die Objekte, die sie formt, die Zeugen eines Lebens außerhalb der Stadt sind. Unabhängig davon, dass sie seit vielen Jahren in Niederösterreich lebt, ist es unleugbar, dass sich ihr Blick und ihr Geschmack woanders gebildet haben. Szilvia Ortlieb ist eine Künstlerin, die erfrischend international agiert, frei von Sentimentalität und voll von gesunder Aggression und Kraft.

 

 © Text: Renée Gadsden, 2012
(Übersetzung: Mag. Karin Schneider
Erika Pluhar Zitate aus: Mehr denn je, 2009

szilvia ortlieb
obere gwendtgasse 5, 3430 tulln a.d. donau, tel.:+43(0)699-10660880
fotos: rainer friedl und szilvia ortlieb